Sarah Wagenknecht hat ihren privaten Bündnis-Verein nach Bonn geladen um dort die Rückkehr zur Sozialen Marktwirtschaft als Parteiprogramm zu propagieren.
Oberflächlich betrachtet könnte man dazu neigen dies als ein "Lucidum Intervallum" - einen Lichten Moment - aus dem Mund einer ehemaligen Frontfigur der Linken zu interpretieren.
Aber gerade weil man Frau Wagenknecht weder "jugendliche Unbedarftheit" noch Dummheit vorhalten kann - erschließt sich das eigentliche Motiv.
Frau Wagenknecht hatte in der Linken Zeit und Gelegenheit um zu verstehen daß "Nostalgie" (bei der Linken die sog. "Ostalgie") eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für das Sentiment und damit auch das Verhalten der Wähler hat.
Was Frau Wagenknecht in Bonn ablieferte ist irgendwo zwischen der Suche nach einem rettenden Strohhalm (Wähler in West-Deutschland gewinnen) und einem strategischen Meisterstück anzusiedeln.
Das Meisterstück besteht darin mit ihrem "Hurra" auf die Soziale Martwirtschaft der vorwendezeitlichen Bundesrepublik Deutschland auch im Westen den "Nerv der Nostalgie" zu triggern. (Hier wäre auch noch die Frage zu stellen ob das, was Frau Wagenknecht unter Sozialer Marktwirtschaft versteht, überhaupt dem alt-bundesrepublikanischen Verständnis des Begriffs entspricht...)
Die Erinnerung an die Kindheit der älteren Wähler an die ex-post betrachtet "guten 80iger-Jahre" zu wecken. Die Zeit bevor die Einzelnen mit der Wende, den EU-Erweiterungen und dem Euro erwachsen und ihrem jugendlichen "Kollektiven Freizeitpark" entwachsen waren.
So wie die "ostalgischen" Ex-"DDR-Insassen" sehr schnell graue, verdreckte und baufällige Innenstädte; die Stasi, Warteschlangen und ähnliche "Begleiterscheinungen" ihres Sozialismus verdrängt hatten - So haben die alten Bundesbürger eben auch mittlerweile das "Waldsterben", "Wackersdorf", "Arbeitslosigkeit" und das "No-Future-Gefühl" der 80iger vergessen.
Da hat Frau Wagenknecht es aber auf jeden Fall geschafft - wie beiläufig - zumindest verbal - eine Nische zu besetzen welche die Union in ihrem beständigen Versuch der F.D.P. in Sachen Marktliberalismus den Rang abzulaufen (und sich selbst attraktive Posten für die Zeit nach der Politiker-Karriere zu sichern?) immer mehr aus dem Auge verloren hatte.
Bemerkenswert ist dabei ja daß die Soziale Marktwirtschaft im Grunde von Anfang an nicht viel mehr war als ein Begriff. "Wein aus alten Schläuchen". Einen vollkommen entfesselten Markt nach Englischem Vorbild hatte es in Deutschland nämlich nie gegeben.
Die Soziale Marktwirtschaft Ehrhardts war eigentlich nichts weiter als die Wiederherstellung der Marktwirtschaft; Nach dem das III.Reich - z.T. auch kriegsbedingt - zunehmend eine Plan/Kommando-wirtschaft geworden war, in der nicht nur Geld, sondern vor allem Bezugsscheine entschieden was man kaufen konnte.
Ehrhardt machte einfach klar daß mit der Einführung der DM mit Bezugsscheinen und daraus resultierend Schwarzmarkt Schluß sei und man nicht nur auf das neue Geld vertrauen konnte; Sondern es auch mußte, wenn man konsumieren wollte.
Der Rest des Wirtschaftswunders war eine gegenüber dem US-Dollar unterbewertete DM. Ein Segen für die Wirtschaft an der alle Bundesregierungen und auch die Bundesbank eisern fest hielten. Etwas das die USA (aus geopolitisch-strategischem Kalkül) nolens-volens tolerierten.
Und damit komme ich zu einem Fazit das nicht nur Frau Wagenknecht sondern auch die AfD wahrscheinlich übersehen haben oder vielleicht auch verschweigen:
Die buddhistische Weisheit daß "man nicht zweimal durch den selben Fluß schwimmen kann".
Die DDR ist ebenso "Tempi Passati" wie die einst parallel existierende Bundesrepublik.
Wir bekommen die guten Erscheinungen nicht zurück in dem wir die Vergangenheit beschwören. Das ist unmöglich weil nicht nur Deutschland sondern auch die ganze übrige Welt sich verändert haben.
Es gab einmal eine Zeit in der Deutsche Produkte mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis überzeugen konnten.
Das war aber eine Zeit in der England (seine imperiale Vergangenheit beschwörend) auf dieser Vergangenheit ausruhte; die USA (wie bereits gesagt) billigend einen Preis-Nachteil für ihre Produkte zum Vorteil von "Made in West-Germany" in Kauf nahmen; Und China ein Entwicklungsland; Ein Land der 3.; Wenn nicht sogar 4. Welt war.
Deutschland ist gerade dabei den Fehler Englands zu kopieren. Sich auf der (zumindest wirtschaftlich) "großen" Vergangenheit (West-Deutschlands) auszuruhen.
((Die große Gefahr dabei ist nicht zuletzt auch daß man den Fehler Englands kopiert und die Lösung der Probleme nicht in mehr Leistung zu suchen - sondern in Sozialabbau und Aufgabe des Primats der Politik.))
Das aber in Zeiten in denen die restlos überschuldeten USA versuchen Arbeitsplätze wieder "nach Hause zu holen" und China die USA längst in Sachen materieller Wirtschaftsleistung abgehängt hat. (Ein großer Teil des BSP der USA wird im Dienstleistungssektor erwirtschaftet und ein weiterer Teil steht in gar keinem Zusammenhang mit der Schaffung konkreter Werte.)
Unter diesen Rahmenbedingungen die EU und den Euro in Frage zu stellen sucht an Unverstand historisch seinesgleichen. Daneben erscheint selbst das Ruinieren des von Bismarck geschaffenen filegranen Geflechts an Bündnissen durch Wilhelm II als "kleiner Flüchtigkeitsfehler".